Ganz besondere Gäste hatte das Team des Museums für Regionalgeschichte am 20. August: 14 Engländer*innen waren nach Lübeck gereist, um an einer Gedenkveranstaltung in der Hansestadt teilzunehmen. Sie fand im Wallhafen statt, dem Ort, an dem sich vor genau 80 Jahren beim Verladen von Munition ein Explosionsunglück ereignete, das acht Arbeiter das Leben kostete. Nur der mutige Einsatz dreier britischer Soldaten aus einer Bombenentschärfungseinheit verhinderte damals Schlimmeres, denn weitere Bomben in den Munitionszügen hätten detonieren und Teile der Lübecker Innenstadt verwüsten können.

Die Reisegruppe bestand aus Nachfahren jener drei Männer – Staffelführer Hubert Dinwoodie, Corporal Roland Norman Garred und Fahrer John William Hatton. Sie alle wollten die Stadt kennenlernen, in denen ihre Väter bzw. Groß- und Urgroßväter noch nach Kriegsende ihr Leben riskierten. Lawrence Savage, Urenkel von Hubert Dinwoodie, schilderte während der Gedenkstunde in bewegenden Worten, wie stolz seine Familie stets auf „Dinnie“ gewesen sei, der für seine Tapferkeit in England mit dem Georgs-Kreuz ausgezeichnet wurde. Und er brachte als Geschenk für Lübeck den Original-Bericht seines Urgroßvaters einschließlich vieler Fotos mit. Für die Stadt ist diese Mappe besonders wertvoll, denn bislang war über das Unglück vom 20. August 1946 hier wenig bekannt.

Genauere Kenntnisse über die Ereignisse am Wallhafen lieferten erst Recherchen des Museums für Regionalgeschichte im Zusammenhang mit der Ausstellung „Munition im Meer“. Auf der Suche nach Details über die Verklappung von Weltkriegsmunition durch die britischen Besatzer stießen Mitarbeiter im Internet auf Barbara Tull, deren Vater 1945/46 in Lübeck die Umladung von Bomben, Granaten und weiteren Waffen von Güterwagen auf Schuten organisiert hatte. In seinem Nachlass fand sie zahlreiche Listen, Berichte und Fotos. Vom Unglück am Wallhafen erfuhr sie von Dinwoodies Enkel. Das Museumsteam lud Barbara Tull im April 2025 zur Ausstellungseröffnung ein. Nach weiteren Recherchen entstand die Idee, an die Ereignisse des 20. August 1946 am 80. Jahrestag vor Ort zu erinnern. Ein Vorschlag, den die Stadt Lübeck aufgriff – eine Gedenkveranstaltung wurde organisiert.
Die Redner*innen, darunter auch Lübecks Kultursenatorin Monika Frank, würdigten aber nicht nur den Mut der drei Briten, sondern gedachten auch der acht Arbeiter, die damals ums Leben kamen. Ihre Namen sind bekannt – ihre Nachfahren hingegen nicht. Erst Mitte August gelang es dem Museumsteam, Dagmar Härtel ausfindig zu machen. Ihr Vater Fritz Versluys starb, als sie gerade zwei Monate alt war. Sie sagte sofort ihre Teilnahme an der Gedenkveranstaltung zu und war sichtlich bewegt, dass nach so langen Jahren an ihren Vater, den sie nie kennenlernen durfte, erinnert wurde.

